Hilfe, mein Pferd ist alt

 

Mein Buch „Stallgeflüster – Die Wahrheit über Pferde und ihre Menschen“ widmet sich in seinem letzten Kapitel den Pferderentnern. Ein altes Pferd hat meist schon einen langen Weg mit uns zurückgelegt. Es war in jungen Jahren unser Freund und Begleiter, hat bei manchen menschlichen Dramen Trost gespendet und weckt große Erinnerungen an wunderschöne Ausritte und wendyreife Abenteuergeschichten.

 

Irgendwann werden wir alle alt, und meist weicht die Leichtigkeit einer gewissen Schwere, der Angst um Krankheiten und Wehwehchen, und vor allem der Angst um den Abschied, auf den der Pferdebesitzer unweigerlich zusteuert. Denn bei aller guten Pflege und Fürsorge, die Lebensspanne unserer Lieblinge lässt sich nicht endlos überbieten. Irgendwann reicht die Kraft nicht mehr.

 

Ein altes Pferd zu haben ist also nicht immer leicht, vor allem, wenn man dieses Pferd schon sein Leben lang kennt. Mein Pferd und ich kennen uns nun schon seit 23 Jahren, und in letzter Zeit scheint die Arthrose immer mehr an Land zu gewinnen. Ihre Bewegungsabläufe werden steifer und sie braucht immer mehr Zeit, um sich „einzulaufen“. Ich nehme diese Tatsache mit Bekümmerung wahr, und trotzdem versuche ich, jeden einzelnen Tag mit ihr zu genießen und ihr Leben so angenehm wie möglich zu gestalten.

 

Wir haben schon viel ausprobiert, mit sehr unterschiedlichem Erfolg. Auf dieser Seite möchte ich speziell auf die Bedürfnisse alter Pferde eingehen, um meine Erfahrungen zu teilen und Hilfestellung zu geben. Denn was mir in all meiner Sorge um mein altes Pferd am meisten geholfen hat – das ist der Austausch mit Pferdebesitzern und ihren Pferden, die sich in einer ähnlichen Situation befinden.

 

 Eingefangen in Bildern

 

 

 

Du bist immer noch schön.

 

Wenn wir zusammen durch den Wald streifen rufen uns die Spaziergänger „Black Beauty“, und „Schönes Tier“, hinterher und sie meinen damit nicht mich.

 

Es ist alles so wie früher.

 

Dein rabenschwarzes Haupthaar glänzt in der Sonne und du streckst deinen Kopf der Freiheit entgegen, wie damals.

 

Du lauschst meinen Bewegungen und du trägst mich sicher nach Hause, so wie ich mich immer auf dich verlassen konnte.

 

Erneut bietet dein sanftes Wesen meiner rastlosen Seele einen sicheren Hafen.

 

Deine Augen nehmen wach und voller Neugier die Welt um dich herum wahr, sie sind noch nicht müde von all dem, was sie von der Welt gesehen haben.

 

Du könntest wieder auf Entdeckungsreise gehen. Wieder und immer wieder.

 

Nur tragen deine Beine dich nicht mehr so zuverlässig wie damals.

 

Es gibt Tage, da wollen sie dir nicht gehorchen und machen jeden deiner Schritte zur Qual.

 

An diesen Tagen wird mein Herz ganz schwer und dein Blick bohrt einen Schmerz in mich herein, der schwer auszuhalten ist.

 

„Tu was!“, scheinst du zu sagen, „du hast mir doch immer geholfen“, und du hast Recht, ich konnte dir bis jetzt immer helfen.

 

Du weißt nicht, wie sehr ich diesen Tag fürchte, an dem ich dir nicht mehr helfen kann.

 

Der Tag, an dem ich an deiner Seite knie, und wir für immer getrennte Wege gehen müssen.

 

Ich hoffe so sehr, ich habe die Weisheit, zu erkennen, wann dieser Tag gekommen ist.

 

Und dass ich den Mut habe, dich bis zur allerletzten Sekunde zu begleiten.

 

Doch am Meisten hoffe ich, dass ich dir deine Entscheidung aus den Augen ablesen konnte.

 

Das bin ich dir schuldig.

 

 

 

Du bist immer noch schön.

 

Auf den Bildern spitzt du die Ohren und gehst dynamisch auf die Welt zu.

 

Langsamer als vor zwanzig Jahren.

 

Bedachter.

 

Und mir fällt auf, dass deine Rundungen eckiger geworden sind.

 

Ich sehe deine grauen Haare, die vereinzelt aus dem Schwarz herausblitzen.

 

Du hast ein paar kahle Stellen, die außer mir niemand sieht.

 

Du hast weniger Muskeln.

 

Deine Brust ist viel schmaler.

 

Du wirkst fast zerbrechlich.

 

Wir sind alt geworden.

 

So schleichend.

 

 

 

Und hätte ich nicht die Bilder von dir, wäre es mir nur an deinem Gang aufgefallen.

Aber hier steht es schwarz auf weiß, eingefangen in Bildern.